Nestlé
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Ein Weltreich aus Milch und Mehl — zur Geschichte  (19.09.05)

Die Überlegenheit des Stillens gegenüber der künstlichen Säuglingsnahrung war schon seit langem bekannt. Trotzdem sorgte aggressives Marketing für die weltweite Verbreitung dieser Produkte und den Tod von unzähligen Babys. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass auch heute noch jährlich 1,5 Millionen Babys sterben, weil sie nicht gestillt werden.

Als der deutschstämmige Henri Nestlé 1867 geröstetes Mehl mit Kondensmilch mischte um künstliche Babynahrung herzustellen, was dies der Anfang des weltumspannenden Nestlé-Imperiums. . Bereits sechs Jahre später wurde Nestlés Muttermilch-Ersatznahrung in Europa, den USA, Argentinien, niederländisch Ostindien (Indonesien) und Australien verkauft.
Nestlés Erfolg kam zu einer Zeit, als die bürgerliche Gesellschaft die Frau als ein schwaches und zerbrechliches Wesen definierte. Stillen, so die medizinische Lehrmeinung, sei den zarten Damen der besseren Klassen nicht zumutbar. Im Adel und später im oberen Bürgertum war es schon seit langer Zeit üblich, die Neugeborenen einer Amme zum Stillen zu geben. Mit dem künstlichen Muttermilchersatz konnten nun sehr viel mehr Mütter auf das Stillen verzichten.
Fast ein Jahrhundert lang wurde das Stillen immer mehr zurückgedrängt. Mit Hilfe von Marketing und Werbung wurde die Babynahrung von einem Produkt für Sonderfälle (Waisen, Babys von Müttern, die nicht stillen konnten) zum Normalfall gemacht. In den USA halbierte sich von 1946 bis 1955der Anteil der gestillten Neugeborenen. Anfang der Siebzige Jahre wurde nur noch ein Viertel der Babys gestillt. Die Ärzte und das Gesundheitspersonal hatten wenig Ahnung vom Stillen. «Zu wenig Milch» oder «Stillunfähigkeit» waren gängige Diagnosen. Dabei war es gerade dieses stillfeindliche Umfeld, dass viele Mütter an ihren Fähigkeiten zu Stillen zweifeln liess. Neugeborene, die zuerst die Flasche erhielten, lehnten häufig danach die Brust ab. Dass anfängliche Stillschwierigkeiten durch fachgerechte Unterstützung der Mütter überwunden werden können, war dem Fachpersonal nicht bekannt. Die westlichen Ärzte, die seit dem Zweiten Weltkrieg im Rahmen der Entwicklungshilfe das Gesundheitswesen in den Entwicklungsländern mit aufbauten, kamen aus diesem Umfeld und priesen auch in der Ferne die vermeintlichen Vorteile der künstlichen Muttermilch.

Ab in den Süden

Auch die Hersteller der künstlichen Babynahrung hatten den Süden als Absatzmarkt entdeckt. Aus einem naheliegenden Grund, in den Industrieländern gingen die Geburtenraten zurück, in den Entwicklungsländern blieben sie hoch oder stiegen sogar an. So hiess es in einer Nestlé-Broschüre anfangs der Siebziger Jahre über Thailand, «die hohen Geburtenraten erlauben eine rasche Expansion im Bereich der Säuglingsnahrung».
Marketing und Werbung spielte auch in den Entwicklungsländern bei der Verbreitung der Babymilch (und dem Verdrängen des Stillens) die Hauptrolle. Dabei wurde behauptet, die künstliche Babynahrung sei der Muttermilch gleichwertig, oder ihr sogar überlegen. Von den Verpackungen lächelten wohlgenährte von Gesundheit strotzende Babys und die Ängste der Mütter nicht genug Milch zu haben, wurde schamlos ausgenutzt. In einem Radiospot in Belgisch Kongo hiess es: «Das Kind wird sterben, weil die Brust der Mutter versiegt ist. Mutter, oh Mutter das Kind schreit.»
Die Firmen nutzten die Gesundheitsinfrastruktur, um ihre Produkte zu vermarkten. Geburtskliniken wurden kostenlos oder zu stark vergünstigten Preisen versorgt, Ärzte und Gesundheitspersonal mit Geschenken eingedeckt. Gratismuster, Prospekte und Geschenke gab es auch für die Mütter. In einigen Ländern war das Verkaufspersonal, das die Mütter besuchte, als Krankenschwestern verkleidet.
Diese Marketingmethoden verfehlten ihre Wirkung nicht. Eine Studie unter nigerianischen Müttern zeigte, dass 87 Prozent der Mütter die künstliche Babymilch verwendeten, überzeugt waren, diese Produkte auf Empfehlung des Gesundheitspersonals zu verwenden.

Die Schoppenbabykrankheit

1939 hielt Cicely Williams, Kinderärztin und spätere Leiterin des Bereichs «Mutter und Kind» der WHO, in Singapur einen Vortrag in mit dem Titel «Milch und Mord». Sie sagte: «Wenn Sie in Rechtsfragen puristisch sind, möchten Sie vielleicht, dass ich den Titel meines Vortrages in ‚Milch und Totschlag’ ändere. Sofern Sie jedoch wie ich verbittert sind wegen des tagtäglichen Massakers an Unschuldigen aufgrund ungeeigneter Ernährung, dann – so glaube ich – geben Sie mir recht, dass die irreführende Propaganda für künstliche Säuglingsernährung als hoch kriminelle Tat bestraft werden sollte und die Todesfälle als Mord betrachtet werden müssen.»
Eine Studie in den USA hatte in den Zwanziger Jahren schon gezeigt, dass die Sterblichkeit bei flaschenernährten Babys sechs mal höher war als bei gestillten Babys. Selbst in reichen Familien, wo die hygienischen Verhältnisse besser waren, war die Sterblichkeit immer noch vier mal höher.
In den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg häuften sich die Berichte von Ärztinnen und Krankenschwestern über die Auswirkungen der künstlichen Säuglingsnahrung. «Bottle baby disease» (Schoppenbabykrankheit) nannten sie den Teufelskreis aus Flaschenernährung, Durchfall und Unterernährung. In Entwicklungsländern kamen zur generellen Unterlegenheit der künstlichen Nahrung gegenüber dem Stillen noch weitere Faktoren hinzu. Die hygienischen Bedingungen, die schlechte Wasserqualität oder der Mangel an Brennstoff, um das Wasser abzukochen, erlaubten keine korrekte Zubereitung der Babynahrung. Und weil die künstliche Säuglingsnahrung teuer war, wurde das Pulver häufig zu stark verdünnt.
Seit Mitte der sechziger Jahren klopften besorgte Kinderärztinnen und Ernährungspezialisten immer wieder bei den Herstellern von Säuglingsnahrung und bei internationalen Organisationen an. Sie stiessen dabei aber auf taube Ohren.



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